Zudem können diese zu epigenetischen Veränderungen werden. Liegt die Ursache für die German Angst also wirklich in den Traumata, die unsere Eltern und Großeltern vor fast 70 Jahren erlitten haben, aber nicht verarbeiten konnten?
Haben das erlebte Leid und die kollektive Schuld Nazi-Deutschlands sich nicht nur in der Psyche der damals lebenden Menschen niedergeschlagen, sondern auch Eingang in unsere Gene gefunden und bestehen damit über Generationen fort?
Kriegserfahrungen können das Erbgut verändern
Erste Hinweise darauf, dass Kriegserfahrungen tatsächlich vererbbar sind, haben niederländische Forscher von der Universitätsklinik Amsterdam geliefert: Der Winter 1944/1945 war hart und brachte eine Hungersnot in den Niederlanden mit sich. Die Kriegsjahre hatten das Land ausgezehrt, zudem war ein Lebensmittelembargo in Kraft.
Mehr als 20.000 Menschen verhungerten. Babys, die während dieses Hungerwinters geboren wurden, waren außerordentlich klein: Kaum eines von ihnen brachte mehr als 2500 Gramm auf die Waage. Frauen, die unter diesen Bedingungen geboren worden waren, brachten allerdings später auch selbst auffallend kleine Kinder zur Welt – obwohl gar kein Mangel mehr herrschte.
Zudem erkrankten die Kinder der in der Fachzeitschrift „Molecular and Cellular Endocrinology“ veröffentlichten Studie zufolge überdurchschnittlich häufig an Diabetes und Herz-Kreislauf-Leiden.
Die niederländischen Forscher gehen davon aus, dass die Mangelernährung des Hungerwinters dazu geführt hat, dass sich das Methylierungsmuster an der DNA der betroffenen Menschen verändert hat. Methylgruppen an der DNA entscheiden darüber, ob ein Gen abgelesen wird – je mehr Methylgruppen an einem DNA-Abschnitt hängen, desto dichter ist er verpackt und desto schwerer kann er abgelesen werden.
Dies ist der bislang bekannteste epigenetische Mechanismus. Durch den Nährstoffmangel seien einige der Methylgruppen verloren gegangen, vermuten die Forscher. Der Körper habe quasi den Stoffwechsel auf Sparflamme umgeschaltet, um die Überlebenschancen zu verbessern.
Doch als im Anschluß an den Krieg die Zeiten des Überflusses anbrachen, wurde der Vorteil zum Nachteil: Der Organismus der Nachfahren kam mit der reichlichen Nahrung nicht zurecht – das würde die hohe Diabetesrate erklären.